Le Rencontre – Die Begegnung

Liebe Leser,

Zum Nikolaustag darf natürlich auch eine Geschichte nicht fehlen.

Die folgende Kurzgeschichte, die ich für einen Online-Adventskalender geschrieben habe, findet nun auch ihren Weg auf den Blog.
Sie ist natürlich ebenfalls historisch, ihr Hauptschauplatz ist das Schloss, das Hommage an meine Protagonisten ist: Versailles. Selbstverständlich ist die Geschichte nicht nur historisch, sondern auch weihnachtlich.

Nun wünsche ich viel Freude damit.

«Nehmt mich mit zu ihr, bitte!»
Françoise Marie – so heißt sie jetzt, diese unsägliche Frau hat meine kleine Schwester nicht nur ihrer Mutter entrissen, sondern ihr auch ihren Namen genommen. Marie Louise Françoise – so ist ihr Name von Geburt an. So ist der Name, den meine Mutter für sie gewollt hat.
Ihre vorgebliche Mutter, sie ist gefallen, gestürzt aus der Höhe, in die sich selbst begeben hat. Dennoch ist sie immer noch hier. Sie muss nun meiner Mutter aufwarten, so wie sie einst meine Mutter gezwungen hat, dies bei ihr zu tun. Mein Vater, der König, kann unerbittlich sein, und ebenso unerbittlich seine Rache. Und meine Mutter ist nun seine Königin.
Ich sehe meine kleine Schwester an. Ich gebe zu, ich habe nie viel übrig gehabt für sie. Etwas mehr als zehn Jahre sind wir auseinander, ein großer Altersunterschied. Ich vollende bald mein zweites Jahrzehnt, während sie gerade das Alter erlangt hat, indem man beginnt, vernünftig zu werden.
Meine Schwester ist fast bis auf den letzten Strich das Abbild meiner Mutter. Lediglich die Augen verraten, wer ihr Vater ist. Sie sind unverwechselbar. Doch wie hat man glauben können, dass diese Frau, die unser aller Leben… Ich schüttle den Kopf. Es ist Weihnachten, und ich möchte nicht darüber nachdenken, was diese Frau uns allen angetan hat.
Die Kleine missversteht mein Kopfschütteln. Tränen treten in ihre Augen. Da bricht mein Herz auf. Was kann die Kleine dafür, dass man ihr diese Abstimmung vorwirft? Noch dazu, wo sie die ersten Jahre nicht an unserer Seite, sondern an der ihrer vorgeblichen Mutter verbracht hat. Es müssen keine schönen Jahre gewesen sein. Und nun ist sie in den Händen des Drachens Maintenon. Auch sie hat den Platz, den sie besitzt, weil sie weiß. Unser Erbe wiegt schwer. Meine Mutter, die Königin, gerät regelmäßig mit ihr aneinander. Die Maintenon heißt die Ehe meiner Eltern nicht gut. Mein Vater hat sich versündigt, sagt sie, als er die Gelübde meiner Mutter löste. Und meine Mutter hat sich schon versündigt, als sie meinem Vater gestattete, ihr seine Zuneigung zu zeigen, vor über 20 Jahren. Das traurige Weltbild der Maintenon, das nur aus Schuld und Sühne und Wiedergutmachung besteht, will meine Mutter für ihre Kinder nicht. Und nun gibt es auch noch Enkel in der königlichen Kinderstube. Meine Mutter, erst seit einigen Jahren dem Konvent entronnen, und noch kürzere Zeit wieder offiziell bei Hofe zurück, gewinnt nach und nach ihre Lebensfreude zurück und wird wieder zu der Frau, die ich kannte, bevor sie uns verlassen musste.
Marie Louise, wie sie eigentlich richtig heißt, wird zu meiner Halbschwester. Doch der Hof ist ein Bienenschwarm. Hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt, dass die Kinder der Montespan – oh, ich möchte ausspucken, wenn ich diesen Namen in den Mund nehmen muss – wenig Ähnlichkeit mit dieser aufweisen, die Ähnlichkeiten mit Königin Louise aber um so frappierender sind. Nun, da man meine Mutter tagtäglich vor Augen hat, kann man vergleichen. Und da der Hof Geheimnisse liebt, aber auch weiß, dass man manches nicht so genau hinterfragen darf, wird eben laut getuschelt.
Ich gehe in die Knie, damit ich meiner kleinen Schwester in die Augen sehen kann, und nehme sie in den Arm. Die Kleine ist sichtlich verdutzt, denn das habe ich noch nie zuvor getan. Ich weiß nicht, was sie weiß, was sie gehört hat, oder ob sie vielleicht nur ahnt. Wir sind von gleichem Blut, sie und ich. Ich nicke.
«Natürlich nehme ich dich mit.»
Bereits als meine Mutter noch im Kloster gefangen saß, hat mein Vater sie für die Weihnachtsfeiertage zu uns geholt. Heimlich natürlich, mit größtem Aufwand. Für sie ließ er das Trianon errichten, wegen ihr gibt es hier in Versailles Gemächer, die geheim sind. Genau dort erzählt meine Mutter für uns Kinder in der Weihnachtsnacht Geschichten, so wie sie es früher getan hat, für mich – vor all diesen Vorfällen.
Wenn mein Vater für die Augen Öffentlichkeit genügend König gewesen ist, kommt er zu uns und ist Ehemann und Vater.
Als wir den geheimen Gang entlang schleichen und um eine Ecke biegen, tritt uns eine Gestalt entgegen. Ich erschrecke, dann erkenne ich ihn. Mein Bruder, der Duc du Maine, hoch gewachsen wie unser Vater, kein Junge mehr, auf der Schwelle zum Mann.
«Ich habe Euch erwartet», sagt er leise. «Ich möchte Euch begleiten. Sie ist auch meine Mutter.»
In stummem Einverständnis sehen wir einander an.
«Natürlich.»
Und wir legen den restlichen Weg zurück, um mit unseren Eltern gemeinsam in der geheimen Stille das Fest von Weihnachten zu feiern.

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion /  Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion /  Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion /  Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion /  Changer )

w

Connexion à %s