L’Echec – Gardez la Reyne 

Liebe Leser,

Eine neue Geschichte hat den Weg auf diesem Blog gefunden. Im Gegensatz zu den anderen möchte ich sie nicht weiter kommentieren. Ich lade ein, zu lesen, möge jeder seinen eigenen Schlüssel finden.

Still ist das Gemach, so still, als würde es auf etwas warten. Und der König, der sich hierher zurückzieht, wenn Trauer und Schmerz ihn übermannen, wartet auch. Darauf, dass die Trauer sanfter wird. Darauf, dass der Schmerz nachlässt.
Seit dem Tod der Königin sind die Gemächer verschlossen, nichts durfte verändert, nichts hinausgeräumt werden. Der König selbst hat es so befohlen.
Und nun sitzt er hier, in dem Sessel, in dem zuvor stets seine Frau Platz genommen hat, nahe beim Kamin, und friert. Seitdem sie nicht mehr ist, friert er. Er weiß, dass die Kälte aus seinem Herzen kommt.
Auch seine Kerze des Lebens ist fast erloschen, der Docht glimmt nur noch, brennt aber nicht mehr, nicht mehr fähig zu einer Flamme. Wenn der König hier sitzt, ist es, als sei sie eben erst gegangen. Ihr Duft erfüllt noch das Gemach, und wenn er die Augen schließt, glaubt er, noch das Rascheln ihrer Kleider vernehmen zu können. Und hier, in der Einsamkeit mit den Gedanken an sie gestattet er sich die Tränen, die er in der Öffentlichkeit nicht weint.
Ein dumpfes stilles Brüten liegt über dem Königshof, der einst so voller Pracht und Freude war. Mit der Königin ist auch die Freude gegangen. Als warte auch er.
Der König wickelt sich enger in den Mantel seiner Frau, als könne dieser die Kälte in ihm vertreiben.
« Regarde bien. »
In einer der ersten Nächte nach ihrem Tod, er hasst es, dieses Wort zu denken, da träumte er von ihr. Davon, dass sie diese Worte zu ihm sprach. Einbildung eines trauernden Mannes, von dem die Medusen um ihn herum schon zischen, er sei dabei, den Verstand zu verlieren? Nein. Er ist sicher, dass da etwas ist.
« Louise », flüstert er in die Stille, « aide moi. Hilf mir. Öffne meine Augen. »
Des Königs Blick fällt auf das Schachspiel auf dem Tisch vor ihm. Er lächelt. Louises Schachspiel, eines ihrer größten Schätze. Er selbst hat es ihr vor über fünfzig Jahren geschenkt, als sie beide noch jung und ihre Liebe für sie wie ein Wunder gewesen war. Ein Wunder ist diese Liebe noch immer.
Die schwarzen Figuren sind rot, geschaffen aus dem Versailler Marmor, eine Besonderheit dieses Spiels. Er lenkt seine Augen auf den weißen König. Die Figur trägt des Königs eigene Züge, eine Eigenwilligkeit, die Louises Lächeln erweckt und ihm einen Kuss von ihren Lippen eingebracht hat.
Plötzlich stutzt er. Die Figuren stehen in einer bestimmten Anordnung, dies ist nicht weiter verwunderlich, liebte seine Frau es doch, gegen sich selbst zu spielen und immer wieder neue Strategien zu versuchen. Der König springt auf. Die weiße Königin fehlt. Louises eigener Stein. Er fehlt.
Hat ihn jemand genommen? Wer wäre so … Er ermahnt sich selbst zur Ruhe. Als seien seine Hände nicht mehr unter seiner Führung, öffnen sie das Behältnis, in dem Louise das Spiel transportierte. Sie ging nie ohne es, führte es immer mit sich. Seine Finger greifen nach dem violetten Tuch, in das etwas eingeschlagen ist. Behutsam zieht er den Stoff beiseite. Der Spielstein der weißen Königin liegt in seiner Hand.
Violettes Tuch. Des Königs Augen füllen sich mit Tränen. Violett. Die Trauerfarbe. Er kennt seine Frau gut genug, um dies nicht für einen Zufall zu halten. Für einen Augenblick gestattet er sich die Schwäche, die weiße Königin an sein Herz zu pressen.
Das Tuch. Sorgsam nimmt er es in die Hände, nicht wissend, wonach er sucht, bis seine Finger auf einen Widerstand stoßen. Etwas scheint eingenäht in den Stoff. Louise, die von Kindesbeinen an Handarbeiten gehasst hat, nähte? Der König trennt die Naht auf, ertastet ein Stück Papier, entfaltet es.
Échec. Nur dieses eine Wort. Schachmatt. Aber auch Fehlschlag. Ein Misserfolg. Furcht ergreift von des Königs Herz Besitz. Er weiß, worüber er in den Nächten, die den Tagen der langen Trauer folgten, mit seiner Frau gesprochen hat, als seine einst so große und starke Familie … Er schüttelt den Kopf. Daran möchte er jetzt nicht denken.
Seine Augen weiten sich, als er das Spielfeld genauer in Augenschein nimmt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Louise über das Schachbrett Botschaften hinterlässt. Er weiß, dass ihre Figuren Personen zugeordnet sind. La tour. Der Turm. Phillippe, le Roy d’Espagne. Le cavalier. Der Reiter. Louis Auguste, der Duc du Maine. Le fou. Der Läufer, aber in der Bedeutung des Wortes auch der Verrückte. Insbesondere der rote Läufer hatte diese doppelte Bedeutung inne. Und die rote Königin … Nein. Des Königs Ahnungen widersetzen sich.
Der weiße Turm und der weiße König stehen an ihrer Ausgangsposition. Le Roque. Die Rochade. König und Turm können gemeinsam ziehen, wenn … Des Königs Gedanken arbeiten fieberhaft, erkennen den gefährdeten Cavalier.
Er sinkt in seinen Sessel zurück und schlägt die Hände vors Gesicht, kaum fähig, seine Erkenntnisse zu ordnen.
Leise öffnet sich die Tür zum Gemach. Der König sieht auf. Nur wenige sind es, die ihn hier aufsuchen dürfen. Ohne ein Wort streckt er seinem Sohn die weiße Königin, das violette Tuch und die Notiz Louises entgegen. Der Duc du Maine greift mit zitternden Fingern, schwankt. Seine rechte Hand fasst an sein Herz, dort, wo er in seinem Rock den letzten Brief seiner Mutter verborgen hält. Je taime tellement, Ta mère. Ihre letzten Zeilen in diesem Brief, der ihm so kostbar ist.
Auch er ist nicht mehr geneigt, die Vorgänge um den Tod seiner Mutter für natürlich zu halten.
Vater und Sohn sehen sich stumm in die Augen. Von gleicher Farbe wie die seines Vaters, ist ihr Ausdruck darin unverkennbar der seiner Mutter. Jedes Mal, wenn der Vater dem Sohn in die Augen sieht, glaubt er ein Stück der Seele seiner Frau darin zu erkennen. Pour mon épouse, sagt der König leise. Pour ma mère, erwidert der Duc du Maine.
Pour la Reyne. Die letzten Worte der beiden sind ein Versprechen.

(c) Louise Bourbon, August 2017