La dernière lettre du Roy – Der letzte Brief des Königs

Kapitel 9

Es ist äußerst schwierig zu reden, ohne zuviel zu sagen.

Il est très malaisé de parler beaucoup sans dire quelque chose de trop.
Louis XIV

Aus den Aufzeichnungen des Königs

Marly, August 1715

Der Schlaf nährt, sagt man. Wie sehr er wahr ist, dieser Satz! Der Schlaf macht mich glücklich, ich bin darin in meiner eigenen Welt. Man sagt außerdem, dass der Schlaf in enger Verwandtschaft zum Tod steht. Wahrhaftig!
Mein Leben neigt sich dem Ende entgegen, ich spüre es, und ich bemerke kein Bedauern. Ich bin müde, und ich will nicht mehr länger die Last meiner Krone tragen.
Der Krieg ist zu Ende, meine Aufgabe ist erfüllt.
Ich, ich bin Louis, der Vierzehnte dieses Namens, durch die Gnade Gottes König von Frankreich und Navarra, und ich trage die Last der Krone seit nunmehr zweiundsiebzig Jahren.
Bereits jetzt findet man Berichte, Aufzeichnungen, Sätze, geschrieben von Personen, die glaubten, mich zu kennen – lächerlich, lächerlich, lächerlich! Ist daran zu zweifeln, dass alle meine Handlungen, meine Worte, nicht nur von unserem Schöpfer auf die Goldwaage gelegt werden, sondern, später einmal, seitens der Historiker, je nach ihrer Denkart und Meinung, eine ganz verschiedene Beurteilung finden werden?
Ich sage euch allen: Ihr bewertet, was ich Euch zu sehen gab. Die Wahrheit ist nicht immer das Offensichtliche. Ha, wie leicht lassen sich Menschen doch an der Nase herumführen! Eine gut gespielte Lüge verdrängt meist die verborgene Wahrheit.
Ich bin der König des Versteckspiels. Jeden Tag agiere ich als der beste Schauspieler dieses Theaters, das sich Versailles nennt. Ihr glaubt mich zu kennen! Bah! Ihr kennt das, was ich Euch glauben gemacht habe.
Das wenigste des Geschriebenen über mich zeigt die Wahrheit, und ich weiß es genau: Wenn ich gegangen bin, wenn meine Knochen ihre Ruhe in Saint-Denis gefunden haben, dann wird man mein Andenken beschmutzen, dann werden sie aus ihren Löchern kriechen, Historiologen und Historio-graphen und Historiker, wie auch immer sich dieses Geschmeiß nennt, nicht zu vergessen die Zeitgenossen, die mich für einige Zeit begleitet haben, sie alle werden berichten was sie glauben zu wissen über den verstorbenen König – welche Ironie!
Ich weiß, wie man mit verblichenen Königen verfährt, ich habe es selbst erlebt.
Fragt man sich, warum ich im Alter die Leidenschaft für das Schreiben entdeckt habe? Lest die Berichte der anderen, dann lest die meinen, und dann – wundert Euch.
Mein ganzes Leben lang habe ich Theater gespielt, am Ende auf der Bühne von Versailles, dem größten Stück, das ich je auf die Beine gestellt habe, ein Stück, getragen von tausenden von Akteuren, das jederzeit neue Kulissen und neue Einfälle verlangte, um die Zuschauer zu amüsieren, zu zerstreuen, den Darstellern keine Atempause gönnte, und mir erlaubte, nicht denken zu müssen, nicht fühlen.
Jede Person spielt ihre Rolle mit einer Perfektion, so dass es keinen Unterschied gibt zwischen Spiel und Realität. Das Spiel ist die Realität.
Man erlaube mir, den Faden zu verlieren. Ich bin alt. Warum also schreibe ich? Ich schreibe meine eigenen Erinnerungen. Das Königreich der Erinnerungen, da lebe ich jetzt. Die Vergangenheit gewinnt an Bedeutung, und die Gegenwart an Verachtung.
Ich habe viele meiner Zeitgenossen überlebt – man wird in den Berichten Worte oder Aufzeichnungen von Personen finden, die mich ein Stück begleitet haben – von Feinden und von anderen.
Keine Freunde? höre ich euch fragen. Bah. Ich bin der König. Ich habe keine Freunde.
Die Erinnerungen… ich weine.
Ich habe gelogen. Ein weiteres Mal.
Dies ist nicht meine alleinige Geschichte – es ist die Geschichte zweier Personen, die ich erzählen will. In meinem Leben gab es eine einzige Person, die meine Vertraute war, meine Freundin, meine Geliebte – und meine Frau. Die, die Ihr lest in vielen, vielen Jahren, Euch höre ich fragen: Eure Frau? Ganz recht, meine Frau. Nein, ich spreche nicht von der vor langer Zeit verblichenen Königin Marie Thérèse .
Eben diese Frau, meine Frau, sie ist klug. Ich spreche noch immer in der Gegenwart von ihr, denn für mich ist sie noch um mich. Und sie, diese kluge Frau, hat es gesehen, gesehen mit ihren Fähigkeiten, dass man ihren Namen radieren und ihre Geschichte vergessen machen wird. Auch deshalb schreibe ich. Eines Tages…
Namen wollt Ihr raten? Ha! Ich höre bereits die Schlangen, die einen Namen zischen, und ich versichere Euch, Ihr irrt Euch. Alle.
Ich spreche nicht von der Marquise , die bereits auf gepackten Koffern sitzt, weil sie weiß, dass ihres Bleibens nicht mehr ist, wenn ich gegangen bin. Und ich spreche ganz sicher nicht von dieser Teufelin in Menschengestalt , die glaubte, für einige Zeit mein Leben zu teilen. Ha, sie teilte nichts, außer dem Theaterstück, das sie mich, dass sie uns, meine Geliebte und mich, zu spielen zwang, aber sie teilte niemals mein Bett und besaß erst recht niemals, niemals mein Herz. Im Gegenteil, Hass ist es, den ich empfinde, immer noch, einen solch wütenden Hass. Vergiftet hat sie mein Leben und das meiner Frau, uns gezwungen, diese Tragikomödie zu spielen. Durch die Gnade Gottes war ihr Werk der Zerstörung nicht erfolgreich. Die Liebe überwindet alles.
Ich erzähle hier von der einzigen Frau, die ich jemals liebte. Louise, meine Geliebte, meine Einzige, meine Frau, man hat dir viel Unrecht angetan, und ich tat zu wenig, um dich zu schützen. Ich machte Dich zu meiner Frau, ich machte Dich zu meiner Königin, und letztendlich reichte ich selbst die Hand, webte die ersten Fäden, diese Geschichte ungeschehen zu machen. Einmal mehr gebührte dem Staat der Vorrang.
Ich weine. Louise, ich tat Unrecht an Dir. Könnte ich doch korrigieren, was ich tat! So tue ich das, was mir noch möglich ist: ich erzähle. Eines Tages wird die Geschichte das Licht der Sonne sehen, das weiß ich.
Diese Aufzeichnungen erzählen unsere gemeinsame Geschichte – Louises und die meine – die wahre Geschichte.
Louise, du bist mein Herz und meine Seele, meine Liebe und mein Leben. Für ewig. Ich werde dir bald folgen, ma Louise. Ich werde dich wiedersehen. Ich werde dich wiederfinden. Ich liebe dich noch immer und immer. Vergib mir, Louise. Pardonne-moi. Vergib mir.

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