Marie Louise de Bourbon 

Die Welt kennt mich unter Marie Françoise de Bourbon, dite La seconde Mademoiselle de Blois. Dieser Titel warf einen Schatten, unter dem ich noch immer stehe, doch noch schlimmer für mich, dass mein Name nicht mein Name ist.
Meine Mutter, meine wirkliche Mutter wollte mir ihren Namen geben. Marie Françoise Louise sollte ich heißen – doch Louise war dieser Frau, die vorgab, meine Mutter zu sein, ein Dorn im Auge. So strich sie ihn.
Ich möchte damit beginnen, dass ich Stück für Stück ein wenig meiner Geschichte erzählen werde – von der es mir ein Wunsch wäre, dass sie eines Tages für mich aufschrieben wird. Dort und auch in allen weiteren Schriftstücken über mich möchte ich Marie Louise genannt werden, um die zu ehren, die mich geboren hat – und um die zu vergessen, die behauptete, mich zur Welt gebracht zu haben.
Ich möchte das tun, damit Ihr versteht. Ich weiß, liebe Leser, die bereit sind, meine Geschichte zu hören, dass ma mère mich liebt. Mein Vater auch, denke ich. Ich liebe sie auch.
Ich denke seit einer Weile über meine Worte nach. Lasst mich so beginnen: Es ist schwer, neben solchen « Übermenschen », wie es meine Eltern sind, zu bestehen. Meine Mutter. Eine schöne Frau, bis zu ihrem … Nein. Daran möchte ich jetzt nicht denken. Zudem besitzt sie große Bildung, einen sprühenden Geist und dennoch Herzenswärme und Güte. Wie soll man sich neben einen solchen Menschen fühlen? Unzulänglich. Meine Schwester, Marie Anne, Ihr kennt sie, sie hat viel von unserer Mutter, und ist dennoch ganz sie selbst. Aber ich, wer bin ich? Hätte ich mich eher gefunden, wenn meine Mutter mich geleitet hätte, so wie sie es mit meiner Schwester getan hat?
Ich erzähle, wie es mir in den Sinn kommt. Vielleicht ist es für Euch zusammenhanglos. Pardon.
Als der Dauphin, mein Bruder, besser, Halbbruder starb, war mein Vater bereits über siebzig, sein Sohn knapp fünfzig Jahre alt. Als er die Augen zum letzten Mal schloss, erhob sich mein Vater, still, verständigte sich wortlos mit meiner Mutter. Die beiden verließen den Raum. Und dann, so schrecklich, dass ich heute noch weiß, dann hörte man ihn, den Schrei. Den Schrei, den mein Vater ausstieß, der alle Qualen in dieser Welt beinhaltete. Dann das weinen.
Die die Ihr meine Geschichte lest: wir alle, meine Schwester Françoise Louise eingeschlossen, wären in diesem Augenblick gern an seiner Seite gewesen. Doch er ließ es nicht zu. Für uns ist er nicht nur Vater, sondern auch König. Zeigt keine Schwächen. Nur meiner Mutter gegenüber, die einzige, die ihn schwach kennen darf. Unnahbar. Manchmal war es schwer, meinen König als meinen Vater zu sehen.
Viel später erschien meine Mutter wieder, bleich, aber gefasst. Gefasster, als es jeder anderen in dieser Situation gelungen wäre. Sie zeigt ihr Königinnen-Gesicht. « Der König hat sich zurückgezogen. », verkündete sie. Der König. Nicht: Euer Vater. Einer der umstehenden Herren fragte: an wen wenden wir uns nun in Dringlichkeiten? Und sie sagte: an mich.
Ihr eigener Tod kam schnell und zu früh. Und meine Mutter spielte auch hier wieder die Heldin: es gibt eine Regel, nach der der König den Tod nicht sehen darf, Ausnahmen sind natürlich möglich. Also zog sie sich zum Sterben in ihr ehemaliges Kloster zurück. Ich wüsste nicht, dass das jemals eine Königin getan hätte. Die Königin Marie Thérèse, die ich so gut wie nicht kenne, tat es nicht.
Und – als sie ging, ich war so wütend. Ich wollte doch noch so viel sagen. Und wen bat mein Vater in seiner grenzenlosen Trauer an seine Seite? Marie Anne. La première Mademoiselle de Blois. Mittlerweile weiß ich: sie ist die Erbin meiner Mutter gewesen. Zusammen haben sie die Geschichte meines Vaters aufgeschrieben. Sie konnte das, denn sie war offiziell die Tochter meiner Mutter. Sie war verwitwet, ungebunden. Ich fristete mein Leben an der Seite eines schrecklichen Mannes, der mehr mit dem Tod meiner Mutter verbunden ist als man weiß. Auch hier wäre ich gern an der Seite meines Vaters gewesen.
Und ich verabscheue meine eigene Feigheit. Ich hätte meine Mutter noch einmal aufsuchen, ihr sagen sollen, dass ich weiß. Und dass ich sie liebe. Habe es nicht getan. Bis hierher zunächst. Ich kann nicht weiter.